Haben Sie Fragen?
+49 2355 903180
Dachbegrünung
Dachbegrünung ist die Anlage von Vegetation auf Dachflächen von Gebäuden. Dabei werden Pflanzen – üblicherweise Sedum, Gräser oder Stauden – auf speziellen Schichtsystemen angebaut, die Dachabdichtung schützen und Regenwasser zurückhalten.
Definition und Grundprinzip
Dachbegrünungen sind konstruktive Systeme zur teilweisen oder vollständigen Begrünung von Dächern. Sie bestehen aus mehreren Funktionsschichten: einer Schutzschicht (Durchwurzelungsschutz), einer Dränschicht, einer Filterebene, einem Substrataufbau und der Vegetationsschicht. Die Pflanzen werden nicht direkt in Erde gepflanzt, sondern in ein speziell zusammengestelltes Leichtsubstrat, das wasserspeichernd, aber auch drainierend wirkt.
Intensive und extensive Begrünung
Extensive Dachbegrünungen sind dünn aufgebaut (etwa 6–15 cm Substrat), wartungsarm und tragen geringes Gewicht. Sie beherbergen häufig Sedum-Arten (Dickblattgewächse), Moose und niedrigwüchsige Gräser. Diese Systeme sind kostengünstiger, eignen sich für geneigte Dächer und benötigen keine zusätzliche Bewässerung nach der Etablierungsphase.
Intensive Dachbegrünungen weisen tiefere Substrate auf (20–40 cm oder mehr), ermöglichen den Anbau von Stauden, Gehölzen und sogar kleineren Bäumen und entsprechen funktional einem Dachgarten. Sie erfordern regelmäßige Pflege, Bewässerung und stärkere statische Belastbarkeit des Unterbaus. Gestalterisch bieten sie größere Freiheit und können als Aufenthaltsräume genutzt werden.
Materialien und Schichtenaufbau
Der typische Aufbau einer Dachbegrünung folgt von unten nach oben diesem Schema: Dachabdichtung → Schutzlage (meist Kunststoff-Vlies) → Durchwurzelungsschutz (optional, bei wasserdichten Membranen) → Dränschicht (Kunststoff-Module oder Blähton) → Filtervlies → Vegetationssubstrat → Vegetation. Hochwertige Systeme nutzen mineralische Leichtsubstrate (Blähton, Lavagranulat, Bims), die Wasser speichern und dennoch drainieren.
Funktionen und Vorteile
Begrünte Dächer regulieren das Mikroklima, indem sie Regenwasser zurückhalten und durch Verdunstung (Evapotranspiration) die Umgebungstemperatur senken. Sie reduzieren damit urbane Wärmeinseleffekte. Der Bewuchs schützt die Dachabdichtung vor UV-Strahlung und mechanischer Belastung, verlängert deren Lebensdauer. Ökologisch dienen sie als Lebensraum für Insekten, Spinnen und Vögel, fördern also urbane Biodiversität. Akustisch wirken sie als Schallabsorber, statisch bieten sie zusätzliche Eigenlast, die der Tragwerksplaner berücksichtigen muss.
Planung und Statik
Vor der Realisierung einer Dachbegrünung müssen Tragfähigkeit des Daches und Entwässerung geklärt sein. Ein Statiker berechnet das Zusatzgewicht der Nasssubstanzschicht (bei intensiven Systemen leicht 200–600 kg/m²), nicht nur der trockenen Materialien. Die Neigung des Daches bestimmt die Systemwahl: Flachdächer ermöglichen extensive oder intensive Begrünung, steile Dächer erfordern Sicherungsmaßnahmen gegen Rutschung und spezielle Aufbauten. Entwässerung und Staunässe sind kritisch – ein Dachgefälle von mindestens 2 % ist Standard, um Vernässung zu vermeiden.
Bepflanzung und Artenwahl
Für extensive Systeme dominieren flache Sukkulenten wie Sedum acre, Sedum floriferum und Sedum telephium. Sie benötigen wenig Wasser, sind hitzeverträglich und winterhart. Intensive Begrünungen erlauben Stauden (Gräser wie Festuca oder Miscanthus), Sträucher und unter günstigen Bedingungen auch Bäume. Alle Pflanzen müssen Trockenheit, Hitze, Wind und flache Wurzeltiefen aushalten – Standard-Gartenstauden scheitern oft auf Dächern.
Pflanzung und Etablierung
Der Vegetationsaufbau erfolgt typischerweise durch Aussaat (bei Sedums und Gräsern kostengünstig), Bepflanzung mit Stauden oder Vorkultur-Matten. Die Etablierungsphase dauert ein bis zwei Saisons, in der Bewässerung notwendig ist, um Pflanzenwuchs zu sichern. Nach dieser Phase sollten extensive Systeme bei normalen Niederschlägen selbstversorgend sein.
Pflege und Instandhaltung
Extensive Dachbegrünungen sind wartungsarm, brauchen aber gelegentliche Unkrautbekämpfung und Kontrolle auf Moosüberhandnahme. Intensive Systeme benötigen regelmäßiges Schneiden, Düngen, teilweise Bewässerung und Schädlingskontrolle wie ein erdgebundener Garten. Drainagen und Abläufe müssen frei bleiben. Wartungskosten und -aufwand steigen mit Systemintensität.
Verwechslungsgefahren und Fallstricke
Häufiger Fehler: Annahme, dass einfaches Substrat und Standard-Gartenerde ausreichen. Normale Blumenerde ist zu schwer, staut Wasser und würde Wurzeln verfaulen lassen. Ebenfalls kritisch: Unterschätzung der Statik – Nass-Gesamtgewichte sind oft doppelt so hoch wie Trockengewichte. Auch wird manchmal vergessen, dass Dachbegrünung keinen Lebensraum schafft